Autor Thema: Langbogen aus dem 19.Jh?  (Gelesen 62054 mal)

Offline kulak

  • Beiträge: 5
Langbogen aus dem 19.Jh?
« am: 28.05.15, 18:42 »
Hallo an alle geschichtlich Interessierten,
ich habe von einem Bekannten einen alten Langbogen mit Recurve zur Ergänzung einer fehlenden Bogennock übernommen (nur um einen vollständigen Eindruck vom Bogen  zu bekommen, der Bogen selbst ist so verdreht , daß man nicht schießen könnte , jetzt einmal vom Alter und dem Zustand des Holzes abgesehen).
Er scheint aus Eibe gefertigt zu sein(Rücken braun, Bauch dunkelbraun) ,wobei der Rücken fast flach aber der Bauch aus dem Kernholz mit dreieckigem Querschnitt  gearbeitet ist. Die vorhandene Bogennock scheint Hirschhorn zu sein (die fehlende Nock habe ich aus Mammutelfenbein ergänzt). Die Wurfarme sind asymmetrisch, der kürzere ist der obere, zu sehen an den Pfeilabriebspuren des Griffes. An der Sehnenkerbe und am Griff kann man sehen , daß der Bogen ordentlich benützt worden ist.
An der Überschrift seht ihr, daß ich vermute er wurde im letzten Drittel des 19 .Jh gebaut. Meine Frage: hat jemand von euch eine Vermutung woher der Bogen stammt und wie alt er sein könnte?
Gruß
Volker

Offline Muetze

  • Beiträge: 566
Re: Langbogen aus dem 19.Jh?
« Antwort #1 am: 28.05.15, 20:14 »
Moin

Wie lang ist das gute Stück und aus welchem PLZ-Bereich stammt der? Wenn der aud HH oder aus WHV kommt, dann habe ich eine Ahnung.

Gruß Mütze
Ich bin kein böser Mensch, ich bin Bogenbauer. Mein maß an Sarkasmus entspricht exakt Deinem maß an Blödheit.

Offline kulak

  • Beiträge: 5
Re: Langbogen aus dem 19.Jh?
« Antwort #2 am: 28.05.15, 20:29 »
Der Bogen ist 184 cm von Nockende zu Nockende, stammt von einem Antiquitätenhändler aus Österreich (das macht die Sache nicht leichter, ich weiß).
Gruß
Volker

Offline Heidjer

  • Beiträge: 568
  • Der Heidjer
Re: Langbogen aus dem 19.Jh?
« Antwort #3 am: 28.05.15, 23:22 »
Das Design ist eindeutig ein Burgunderbogen (zB Hohenaschau Bogen), solche Bögen wurden hauptsächlich in Frankreich (Lion) aus Eibe und Goldregen als Jagdbögen im 17'ten  und 18'ten Jahrhundert gebaut. Das Design selbst ist aber schon älter, die französischen Bögen im 100 jährigen Krieg sahen schon so aus.  ;)

Ich kenne solche Bögen nur aus dem Museum, darf man fragen was dieser Bogen gekostet hat, gern auch per PN, ich bin ein Fan dieser Bögen, sie haben ein tolles Auszugsverhalten und werfen allgemein sehr schnell und gut.


Gruß Dirk
Der Pfeilschaft, gemacht aus der Pflanzen hölzern Teil, versehen mit eines Vogels Federn und einer Spitze, aus der Erde Mineral, versteckt sich gerne.

Offline wilfrid

  • Beiträge: 712
Re: Langbogen aus dem 19.Jh?
« Antwort #4 am: 29.05.15, 07:20 »
19.???
Die Griffverzierung deutet eher auf 17.-18 Jahrhundert hin, und ja, es ist ein Verwandter des Hohenaschau Bogens.

Offline kulak

  • Beiträge: 5
Re: Langbogen aus dem 19.Jh?
« Antwort #5 am: 30.05.15, 08:57 »
Herzlichen Dank an alle die geantwortet haben!
Gruß
Volker

Offline kulak

  • Beiträge: 5
Re: Langbogen aus dem 19.Jh?
« Antwort #6 am: 30.05.15, 10:32 »
Weil über diesen Bogentyp doch ein ausführlicher thread hier im Forum besteht und für die Interessierten ein paar bildliche Ergänzungen .
Der obere Wurfarm hat eine Aststelle , die am Rücken und Bauch zu sehen ist und auch deutlich als Knoten zu spüren. Scheint aber im Gebrauch kein Nachteil gewesen zu sein.
am Grat des Bogenbauches sind 2 Linien eingeritzt sodaß der Eindruck eines Grates noch verstärkt wird. Auch entlang der Kanten ,wo Rücken und Bauch sich treffen ist eine Linie eingeschnitten (nicht überall mehr gut zu sehen).
Nach nochmaligem genauen Nachmessen (aufgelegte nicht dehnbare Schnur) ergibt sich für den oberen Wurfarm von Nockspitze bis zur Griffbedeckung (unter den Fransen) eine Länge von 78,8cm,
für den Griff 12,5 cm und den unteren Wurfarm 81 cm .
Gruß
Volker

Offline Heidjer

  • Beiträge: 568
  • Der Heidjer
Re: Langbogen aus dem 19.Jh?
« Antwort #7 am: 30.05.15, 13:25 »
Die Bilder sprechen sehr für einen Burgunderbogen aus Lyoner Fertigung aus dem 18'ten Jahrhundert oder sehr frühes 19'tes Jahrhundert, früher auch Schweizerbogen genannt, der Bogen ist mindestens 150 Jahre alt. Die eingetieften Nuten sind da sehr typisch.
Die Nocktips wurden bei den Bögen übrigens immer aus Geweih hergestellt, Rothirsch ist da sehr wahrscheinlich.
Altes Holz nur nach Bildern zu beurteilen ist sehr schwer, ich halte es aber eher für Goldregen, die Struktur und die Jahrringe sehen mir mehr danach aus. Eibe mit solchen Jahrringen würde dieses Design auch nur bedingt aushalten.
Die jetzige Form des Bogens kommt vermutlich daher, dass der Bogen sehr lange (Jahre?) aufgespannt gelagert wurde, eventuell als Wandschmuck? Im Urzustand hatten die Bögen einen Reflex im Bogengriff, einen leichten Deflex in den Wurfarmen vom Set und geflippte Wurfarmenden, also eine R/D/R Form wo der Gesammtreflex leicht überwog.

Ich und noch einige andere sind sehr an noch mehr Daten und Maßen zu den Bogen interessiert, mehr per PN.


Gruß Dirk
« Letzte Änderung: 30.05.15, 13:31 von Heidjer »
Der Pfeilschaft, gemacht aus der Pflanzen hölzern Teil, versehen mit eines Vogels Federn und einer Spitze, aus der Erde Mineral, versteckt sich gerne.

Offline wilfrid

  • Beiträge: 712
Re: Langbogen aus dem 19.Jh?
« Antwort #8 am: 30.05.15, 17:06 »
Also, der untere Wa länger als der obere bei sonst gleichen dicken und breiten Maßen wäre jetzt extrem unüblich. Der uWa wäre dann ja langsamer als der oWa.

Umgedreht hat das Teil dann Druckpunkt in der Mitte, Griff nach unten, uWA. Was dann dem Flitzebagendesign entspräche.

Offline Heidjer

  • Beiträge: 568
  • Der Heidjer
Re: Langbogen aus dem 19.Jh?
« Antwort #9 am: 30.05.15, 20:18 »
Das hat mich auch kurz stutzen lassen, den die Bögen sind natürlich für die Verwendung des längeren WA's als oberen WA gebaut. Aber Anwenderfehler, oder möglicherweise kam der Anwender so besser mit dem Bogen klar? Das ist jetzt aber nur noch schwer feststellbar und wer weiß wieviel der Anwender über das Bogenschießen wußte, so ein Bogen war vor 200 Jahren ein purer Luxusgegenstand den sich nur Reiche mit Zeit für den Müßiggang leisten konnten.


Gruß Dirk
Der Pfeilschaft, gemacht aus der Pflanzen hölzern Teil, versehen mit eines Vogels Federn und einer Spitze, aus der Erde Mineral, versteckt sich gerne.

Offline kulak

  • Beiträge: 5
Re: Langbogen aus dem 19.Jh?
« Antwort #10 am: 02.06.15, 08:23 »
So, der Bogen ist wieder bei seinem Besitzer, zuvor habe ich aber noch einige Maße genommen .

Die Zeichnung ist nicht maßstabsgerecht , für die Krümmung der Bogenarme habe ich noch ein Foto angehängt, bei dem der (mutmaßliche) obere WA auch oben ist.

Insgesamt war die Recherche , dank  Dirk, sehr spannend und aufschlußreich, danke nocheinmal allen die hier mitgewirkt haben!

Gruß
Volker

Offline Onkel-Thor

  • Beiträge: 36
Re: Langbogen aus dem 19.Jh?
« Antwort #11 am: 10.11.15, 20:56 »
Ich hab da mal eine Frage zu Eibe vs. Goldregen.

Wie ist der Unterschied zwischen zweier solcher Bögen. Und warum baut man heute keine Goldregenbögen mehr. Das höre ich zum ersten Mal hier, daß man daraus Bögen baut?

Heiko

Offline Heidjer

  • Beiträge: 568
  • Der Heidjer
Re: Langbogen aus dem 19.Jh?
« Antwort #12 am: 11.11.15, 03:22 »
Wer sagt denn das man Heute keine Bögen mehr aus Goldregen baut.  :?:
Schau mal hier rein, was für schöne Bögen noch Heute in D gebaut werden, schade das sie nicht mehr in deutschen Foren gezeigt werden, aber was zählt der Prophet im eigenen Land.
Goldregen kann in der Leistung mit Eibe mithalten, in der Optik ist es Eibe überlegen, ich kenne kein schöneres Bogenholz.

Nur an guten Goldregen zu kommen, ist schwerer wie an gute Eibe zu kommen. So eine Quelle wie Tom Tom muß man erst mal haben.  :whistle:

Dazu kommt dann noch das die Burgunderbögen (Schweizer Bögen) hier bei uns in D nicht so bekannt sind wie beispielsweise die ELB's oder Eibenbögen überhaupt.


Gruß Dirk
Der Pfeilschaft, gemacht aus der Pflanzen hölzern Teil, versehen mit eines Vogels Federn und einer Spitze, aus der Erde Mineral, versteckt sich gerne.

Offline Onkel-Thor

  • Beiträge: 36
Re: Langbogen aus dem 19.Jh?
« Antwort #13 am: 11.11.15, 11:16 »
Die Bögen sehen echt toll aus. Na jetzt gibt es erstmal einen Spiga und was später wird ... Mal schauen. Zumindestens ist es für mich sehr interessant.

 

SMF 2.0.14 | SMF © 2017, Simple Machines | Theme Sage Durain By Fussilet
Seite erstellt in 0.037 Sekunden mit 15 Abfragen. Impressum - Datenschutz - Nutzungsbedingungen